Doch irgendwie schien niemand von meiner Bitte, so schnell wie möglich mit dieser Folter fortfahren zu wollen, Notiz zu nehmen.
Erst um neunuhrdreißig bekam ich den nächsten Beutel um es dann selbst anzurühren. Der erste Liter war wieder kein Problem. Es war jetzt ungefähr zehn Uhr. Ich wollte meinen Magen erst einmal zur Ruhe kommen lassen. Denn schließlich merkte ich selbst am besten, wie meine Organe reagierten. Doch dieser Stationsarzt war sichtlich unzufrieden.
„ Sie müssen schneller trinken“, meinte er. „ Dann ist der Erfolg auch effektiver.“
Sein Rat ging nach hinten los. Ich erbrach und mir wurde wieder so übel, daß die Wege zum Klo eine Qual waren.
In den nächsten eineinhalb Stunden war es ein hin und her, zwischen trinken und nicht trinken wollen. Von Erbrechen und Wege zum Klo.
Von gut gemeintem Ratschlag des Arztes, ein wenig rum zulaufen, damit sich die Flüssigkeit schneller zum Darm bewegte. Von Kontrolluntersuchung der Schwester, ob der Stuhl schon Ähnlichkeit mit Kamillentee hatte. Denn so sollte das aussehen, was da raus kam.
„ Noch Zwei Liter“, meinte sie. „ Dann hast es geschafft.“
Sie merkte nicht wie sie mich mit dieser Aussage schockierte. Ich hatte schon vier Liter getrunken, auch wenn mindesten zwei Liter im Waschbecken gelandet waren.
Kurz gesagt, ich schaffte es nicht termingerecht, weil ich mich weigerte noch mehr zu trinken. Ich konnte einfach nicht mehr.
Schon im Flur sagte der Arzt, daß sie jeden Darm frei bekommen haben.
„ Machen sie sich keine Sorgen. Ich komme gleich, und lege ihnen die Magensonde.“
Zweifel kamen mir auf, ob diese Menschen und ich die gleiche Sprache verstanden. Seit Stunden erzählte ich denen, daß ich keine Magensonde wollte. Warum hätte ich mich sonst diesen Quälereien aussetzen sollen? Trinken und brechen am laufenden Band.
Er kam ins Zimmer, zwei Schwestern dabei die mich rechts und links festhielten. Er beugte sich über mich, bewaffnet mit einem Schlauch.
Beiden Schwestern war es sichtbar unangenehm, daß sie mich gewaltsam festhalten sollten. Während dessen sagte ich mehr als drei Mal, daß ich weiter trinken werde, aber die Magensonde mir nicht gelegt werden sollte. Den Arzt schien das nicht zu interessieren. Er wiederholte sich, als er mir sagte, daß der Termin nicht verschoben werden konnte. Er schien es als persönliches Versagen anzusehen, wenn er es nicht schaffte, seine Patientin pünktlich zu den angesetzten Untersuchungen bringen zu können. Und diese Schande wollte er bei dieser Nötigung umgehen.
„ Es tut nicht weh“, versprach er, “ als er meinen Kopf nach hinten drückte und den Schlauch ins Nasenloch einführte. Er mußte doch merken, daß das Ding zu dick ist, dachte ich noch. Ein stechender Schmerz ließ mich aufjammern. Endlich ließ er von mir. Und ich spürte, daß etwas aus meiner Nase in meinen Mund lief. Ich blutete. Nicht schlimm, aber ich war nicht gewillt, mein nächstes Nasenloch auch noch beschädigen zu lassen.
Ich schrie ihn an. „ Lassen sie mich endlich. Sie tun mir weh.“
„ Wir könnten es auf der anderen Seite ausprobieren.“
Der Mann hatte offensichtlich keinen Verstand. Mir war schlecht
und mir tropfte gerade das Blut aus der Nase, an dem er schuld war.
„ Wissen sie was? Ich gehe nach Hause. Ich hab die Nase voll.“
Zur Unterstreichung wischte ich mir mit den Handrücken das Blut ab, was an meinen Lippen hing. Angewidert sah ich auf meine Hand.
„ Ich will nur noch nach Hause, weg von dieser Folterkammer.“
Sein Gehabe, das ihn als den Übermächtigen die letzten Tage erscheinen ließ, brach zusammen.
„ Hören sie. Gehen sie nicht. Ich mach einen neuen Termin. Vielleicht können die unten jemanden vorschieben. Frau Christiansen, sie haben es doch fast geschafft.“ Er lächelte schief. Angesichts seines Berufes fand er es nicht besonders schlimm, daß er gerade was in meiner Nase kaputt gemacht hat. Fummelte in seiner Kitteltasche und reichte mir versöhnlich ein Taschentuch. Das ich wütend übersah.
Meine Nase hatte aufgehört zu bluten. Es war wirklich nicht schlimm, aber ihm die Gelegenheit zu geben es noch mal zu versuchen? Keine Chance.
Ich griff zum Telefon. Brigitte meldete sich.
„ Hol mich so schnell wie möglich ab. Hier bleibe ich nicht länger.“ Brigitte verstand nicht gleich, aber sie versprach nach weiteren Erklärungen mich abzuholen.
Der Arzt stand die ganze Zeit dabei.
„ Überlegen sie es sich noch mal. An irgendetwas muß es doch liegen, daß sie so oft Schmerzen haben.“
Ich starrte ihn an. Hatte er es ernst gemeint, daß er an meinen Schmerzen glaubte. Aber der Typ hatte mich zu lange schikaniert. Ich war so wütend.
„ Vielleicht bin ich ja nicht ganz richtig in Kopf“, half ich ihm auf die Sprünge.
Er sah mich fassungslos an. Oh, er hatte verstanden. Jetzt war ich es, die ihn nicht mehr für voll nahm.
„ Das habe ich nie so gesagt.“
„ Nein, nicht so direkt.“
Kurze Pause.
„Frau Christiansen wir können...“
„ Ich werde mich jetzt anziehen“, sagte ich schroff.
Dann ging er.
Kam aber fünf Minuten später wieder.
Er sah an mir herunter. Im angezogenen Zustand sah ich wohl nicht mehr wie eine Patientin aus, mit der er machen konnte was er wollte.
„ Setzen wir uns?“ fragte er.
Ich setzte mich aufs Bett und er sich neben mich.
„ Ich kann sie nicht hier festhalten“, begann er. „ Sie sind ja ein eigenständiger Mensch.“
„ Gott sei dank“, sagte ich und war überrascht, daß er es so schnell gemerkt hatte. (Hatte nur fünf Tage gedauert.)
„ Wenn sie wollen können sie am Montag wieder kommen und die Darmreinigung zu Hause machen. Ich hab da schon was vorbereitet. Liegt im Schwesternzimmer.“
Meine Gedanken waren nur noch zu Hause. Nachdem ich wusste, daß ich die Darmspiegelung hier nicht durchführen lassen würde, ging es mir sichtbar besser. Nicht mal mehr schlecht war mir. Nur schrecklich kalt war mir.
Da die Geschehnisse so schnell gingen, hatte ich noch keine Zeit mir Gedanken zu machen, wie es jetzt weiter gehen sollte.
„ Ich denke darüber nach“, sagte ich.
Ernst sah er mich an, als er aufstand. Ich glaube er wusste, daß er mich nicht mehr sehen würde, aber trotzdem ging ich mit ihm ins Schwesterzimmer, wo er mir das Darmreinigungsmittel mit der dazugehörigen Beschreibung gab.
Meine Sachen holten Brigitte und ich nachmittags ab, nachdem ich mit meiner Hausärztin alles besprochen hatte, daß ich die Darmspiegelung ambulant machen lassen konnte.
In diesem Krankenhaus hatte ich den ersten Eindruck gewonnen, daß die Ärzte die Patienten zu schnell, als psychisch krank einstufen.
Natürlich ist es nicht fair, allen Ärzten dasselbe zu unterstellen, aber ich denke Heute, daß sie es machen, weil sie befürchten die Ursache der Erkrankung nicht zu finden. Das heißt im Klartext, schon im Vorfeld versuchen sie ihr eigenes Versagen, auf die Patienten zu schieben.
Was sie den Menschen damit antun, erfahren sie nie oder selten.
Dieser Stationsarzt, hat meine wirkliche Krankheit nicht erfahren.
Wahrscheinlich denkt er, falls er sich überhaupt noch an mich erinnert, daß ich wirklich ein psychischer Fall bin.
Die Möglichkeit, daß sie eine neue Patientin suchten, für ihre neue Psychiatrie, möchte ich nicht ausschließen.
Psychisch Kranke brauchen für eine Genesung einen wesentlich längeren Aufenthalt im Krankenhaus. Der dabei entstehende Gewinn, wäre sicher nicht gering gewesen.