„ Ich schreibe meinen Bericht“, schloß sie unsere Unterhaltung.

Ich zog mich an, und niemand kann sich vorstellen wie ich mich fühlte. Es tat mir von der Untersuchung alles weh, aber der Schmerz war nicht das Schlimmste.

Die Ärzte nahmen meine Beschwerden nicht für voll. Sie glaubten mir nicht, wenn ich sagte, daß ich Schmerzen hatte.

Wie in einem Psychotriller, wo sich alles gegen einen verschworen hatte. Fragen was ich hier eigentlich solle, kamen jetzt zum ersten Mal. Der Kloß der sich in meinem Hals in rasender Geschwindigkeit gebildet hatte, hinderte mich daran der Ärztin zu sagen, daß ich mich nicht anstelle, sondern sie ihre Ausbildung noch mal wiederholen solle.

Leise verließ ich die Gynäkologie und suchte verzweifelt nach einem Eckchen, wo ich mich ungesehen ausheulen konnte. Dieses schien es hier nicht zu geben. Selbst im Treppenhaus im obersten Stockwerk, hetzten die Weißkittel, ob Ärzte, Schwestern oder Pfleger von einer Station in die andere.

Irgendwann hatte ich es satt, frierend durchs Krankenhaus zu gehen und versuchte vergeblich ungesehen ins Zimmer zu kommen.

„ Wo bleiben sie denn? Der Doktor will sie noch einmal sprechen.“

Die schrecklichste Schwester von dieser Station. Zeitgleich hatte sich die Schwester mit der ich mich duzte zu uns gestellt.

„ Ich ihn jetzt aber nicht.“

Es war nicht zu verheimlichen, daß ich verheult aussah. Zwei stündiges Tränen vergießen, trotz ständigen wegwischen, ließen sich nicht schön reden. Das wäre wahrscheinlich der dämlichen Gynäkologin sogar aufgefallen.

„ Oh Gott“, stöhnte die Genervte. „ Ich gebe dir zehn Minuten.“ Damit meinte sie ihre Kollegin.

Die führte mich ins Zimmer und fragte was denn passiert sei.

„ Das da oben ist keine Ärztin. Das ist ein Monster.“

Sie nickte. „ Das ist bekannt.“

„ Ich bin schon oft untersucht worden, ich meine vom Frauenarzt, aber solche Schmerzen hatte ich dabei noch nie.“

Sie ließ mich gewähren. Während ich mir zitternd die Augen wischte. Mir war kalt und mir war schlecht vor Hunger, oder war es die Aufregung?

„ Ich meine, ich weiß nicht ob die Schmerzen so schlimm waren, weil sie eine brutale Kuh ist oder weil mir unten sowieso alles weh tut, verstehst du?“

Nein, ihren Blick zu urteilen, hatte sie mich nicht verstanden. Aber das ich die Ärztin als brutale Kuh betitelte, schien sie nicht ungewöhnlich zu finden.

Der Arzt kam rein. Seinem Gesicht zu urteilen, war zumindest er zufrieden. Seine Vermutung, daß ich im Dachstübchen nicht ganz normal sei, schien ihn zu beflügeln. Mein verheultes Aussehen ignorierte er geflissenhaft.

„ Es scheint ihnen Spaß zu machen, daß ich ständig auf sie warten muß?“

Er wollte diese Frage nicht beantwortet haben oder doch?

Ich sah kurz zu ihm auf. Aber er sprach schon weiter.

„ Meine Kollegin konnten nichts finden, Frau Christiansen.“ War es Freude in seiner Stimme oder Genugtuung.

Er wartete. Was wollte er hören? Schön für Sie. Besuchen sie mich in der Psychiatrie.

Ich fing an, ihn in diesen Minuten zu hassen. Hau ab du Schwein, dachte ich. Laß mich in Ruhe.

In meinen Handflächen bildete sich Schweiß und gereizt wischte ich sie am Betttuch trocken.

Als ich meinen Blick zu ihm anhob, weil das Anstarren der Bettdecke mich jetzt auch nicht weiter brachte, sah ich, daß auch er sehr ernst geworden war.

„ Wie geht es ihnen jetzt?“

„ Das interessiert hier sowieso niemanden“, sagte ich.

„ Rücken sie mal.“ Ich stand  auf und ließ aus dem Wasserhahn ein Liter in den Plastikbehälter laufen.

Gab den Inhalt des Beutels hinzu und rührte. Mein Abführmittel, wovon ich mehrere Liter trinken mußte.

Der Arzt grinste. „ Na dann guten Appetit, bis morgen.“

Nachdem ich den ersten Liter des Darmreinigungsmittels getrunken hatte, spürte ich schon, daß sich mein Magen währte.

Die Schwester riet mir, so viel wie möglich hintereinander zu trinken.

„ Das schlägt dann richtig durch“, grinste sie.

Die durchschlagende Wirkung trat ein und zwar aus der Speiseröhre. Ich erbrach fast die Hälfte von allem, was ich mir durch die Kehle gewürgt hatte. Das Mittel schmeckte wie Öl mit Salzsäure vermischt und hinterließ selbst nach zwei Gläsern Wasser,  einen ekeligen Nachgeschmack.

Teilweise lag was von den Erbrochenen auf den Boden. Ich hatte es nicht mehr schnell genug zum Waschbecken geschafft.

Die Dicke regte sich fürchterlich auf, weil es ja so unhygienisch sei.

Gott sei dank war die Krankenschwester da, mit der ich mich super verstand.

„ Das ist nicht so schlimm“, beruhigte sie mich. „ Das kann man doch sauber machen. - Leg dich hin, du bist ganz blass.“

Mir war so elend, daß meine Motorik Schwierigkeiten machte und ich selbst kaum ins Bett fand. Auch konnte ich mich vor Übelkeit nicht alleine hinlegen. Lohnte sich auch nicht, weil das Mittel jetzt seine Wirkung zeigte und ich mich schlurfend zur Toilette begab.

Die waren so dreckig, daß ich im Normalfall sofort kehrt gemacht hätte. Aber hier war es nicht normal.

Zitternd vor Kälte und vom schlecht sein legte ich mich hin.

„ Na, wie sieht es aus?“ Fragte die Schwester.

„ Mir ist so schlecht und mir ist so kalt.“

Ich griff nach der Nierenschale, weil ich nur noch einen Gedanken hatte. Dieses Zeug mußte aus mir raus.

„Nein, laß es drin, du darfst es nicht ausspucken, ganz im Gegenteil, du mußt noch mehr trinken“.

„ Ich kann nicht, mir ist so elend“, jammerte ich.

Sie maß den Blutdruck.

„ Der ist viel zu niedrig“, stellte sie fest. „ Ruh dich mal aus, ich komm gleich noch mal.“

Ich schlief kurz ein. Kann nur ein paar Minuten gewesen sein, denn als ich wach wurde, standen gleich drei Schwestern ratlos um meinen Bett herum.

Kein Arzt war auf der Station. Das war mir bewusst. Eine Schwester machte sich an das Fußende zu schaffen, um das Bett hoch zu stellen. Es krachte zu weit hoch und ich rutschte mit dem Kopf an die Gitter.

„ Paß doch auf“, herrschte eine die Unglückliche an, der das Missgeschick passiert ist.

„ Nicht so schlimm, nichts passiert“, beruhigte ich.

Doch zeitgleich merkte ich, daß ich zum Klo mußte.

Als ich aufstand, drehte sich das Zimmer und ich mußte mich an der Wand festhalten, um den für mich endlos weiten Weg zu schaffen.

An der Tür standen zwei der Schwestern, als ich wieder raus kam um mich zu stützen.

Im Bett angekommen, ging die Diskussion los.

Eine Unsitte, die sich die Krankenschwestern von den Ärzten abgeguckt haben mußten.

Keiner nahm Notiz von mir, während sich mein Magen vom Rest befreite. Die erste regte sich auf, weil ich die zwei Liter noch nicht ausgetrunken hatte.

 „ Wozu auch, “ meinte die Nette. „ Kommt doch sowieso alles wieder raus.“

„ Sie steht kurz vorm Kreislaufzusammenbruch“, entgegnete die dritte. „ Der Blutdruck muß erst hoch, und dann muß die Übelkeit weg, bevor sie weiter trinken kann.“

Ratlosigkeit breitete sich aus und alle sahen stumm auf mich herunter.

„ Wir warten auf Frauke“, bestimmte die Erste.

Das schien für alle drei eine befriedigende Lösung und für mich auch, weil man mich jetzt in Ruhe ließ.

Es dauerte nicht so lange, da stand plötzlich eine junge Frau, in Schwestertracht vor mir. Grinst blöd und meint:

„ Darf ich vorstellen? Schwester Rabiata.“ Zieht sich die mitgebrachten Gummihandschuhe über und zeigt mir das mitgebrachte Zäpfchen, das sie zwischen Zeige und Mittelfinger hielt.

„ Gegen ihre Übelkeit.“

Die Vorstellung, daß mir jemand einen Zäpfchen in Hintern schob, nachdem die brutale Ärztin mir bei der Analuntersuchung

die schlimmen Schmerzen zugefügt hatte, ließ mich in kalten Schweiß ausbrechen.

„ Lassen sie mich in Ruhe“, fauchte ich haltlos. „ Was soll ich mit einem Zäpfchen? Ich bekomme gerade das hier.“ Ich zeigte mit dem Finger auf den Plastikbehälter, der immer noch halb gefüllt da stand.

Die sind hier alle nicht ganz dicht, dachte ich verzweifelt.

„ Dann scheint es ihnen ja schon besser zu gehen“, stellte sie fest.

„ Schön wär’s.“

„ Dann lassen sie sich doch Zäpfchen geben“, entgegnete sie spitz.

„ Nein, ich will wirklich nicht, ich trink das auch gleich“, gab ich nach.

Sie ging endlich, sichtbar unzufrieden, weil ihre Lösung nicht die meine war.

Ich nickte kurz ein, als das Telefon schellte. Natürlich war ich überrascht, als  sich meine Hausärztin meldete und sich nach mir erkundigte. Die Nachricht, daß ich ein Wunderkind mit vier Harnleitern sein sollte, mußte ihre medizinische Neugier keine Ruhe gelassen haben.

Nach kurzer Berichterstattung, daß ich keine doppelten Harnleiter besaß, jammerte ich ihr vor wie schlecht es mir ginge und ich ernsthafte Schwierigkeiten hatte, die Darmreinigung zu überstehen.

„ Mein Magen nimmt dieses Zeug nicht an. Ich erbreche es sofort wieder, “ versuchte ich die Situation zu schildern.

Sie riet mir sehr ernst es weiterhin zu versuchen.

„ Die Einführung einer Magensonde ist weitaus unangenehmer“, sagte sie.

Ich geriet in Panik. Mit einer Ernsthaftigkeit, die angesichts meiner Übelkeit schon eine Leistung waren, trank ich diese widerliche Flüssigkeit mit rasender Geschwindigkeit. Der halbe Liter wurde in drei Minuten geleert.

Ja und mein Magen schaffte es noch schneller. Zumindest, das meiste von dem Zeug, weil ich krampfhaft versuchte, das fast schon Ausgebrochene wieder herunter zu würgen.

Meine dicke Bettnachbarin betätigte die Klingel, als ich schweißüberströmt mich an den Waschbecken klammerte.

Zwei Schwestern kamen und halfen mir ins Bett.

„ Das hat keinen Zweck“, sagte Schwester Frauke alias Schwester Rabiata. Es stellte sich heraus, daß sie doch nicht so rabiat war, sondern nur ihren schwarzen Humor offen kundtat.

„ Ihr Magen ist schon zu stark angeschlagen. Der sollte sich erst mal beruhigen.“

Sie wischte mir mein Gesicht sauber und fragte vorsichtig, ob ich jetzt doch das Zäpfchen wollte.

„ Nein“, stammelte ich, „ ich muß aufs Klo.“

Natürlich war diese Nacht eine Katastrophe. Ich hatte soviel Angst, vor diese Magensonde, daß ich nicht schlafen konnte. Da das Abführmittel mich ohnehin die halbe Nacht wach hielt, schien sich zumindest mein Kreislauf zu mobilisieren.

 

Nächsten morgen verlangte ich schon um sechs Uhr nach einer weiteren Beutel des Darmreinigungsmittels. Der Gedanke an die Magensonde, machte mich panisch.